Sonntag, 27. Februar 2011

-37°C, Männertag und Bob

Montag plauderte ich etwas mit Lisa und Seda. Irgendwann kamen wir darauf zu sprechen, dass ich bald ein halbes Jahr hier lebe und erinnerten uns an die ersten Wochen meines Aufenthaltes. Lisa meinte, ich hätte mich verändert. Zu Anfang wäre es sehr auffällig gewesen, dass ich nicht von hier bin, doch mittlerweile, so meinte sie, sei ich eine von ihnen geworden.
Nichts desto trotz gibt es Dinge an die ich mich noch nicht gewöhnt habe und auch nie gewöhnen will. So zum Beispiel, dass 90% der Lehrkörper während des Unterrichts Anrufe entgegennimmt und fröhlich drauf los plaudert.

Ich hatte dienstags schulfrei, da in der Schule irgendeine Olympiade stattfand. Olympiaden und Wettbewerbe sind hier übrigens sehr häufig. Xjuscha ging auch nicht zur Schule, also passten wir auf Dascha auf.
Gegen drei gingen wir zum „Mütterchen“, welche die Familie zu leckeren Piroggen gerufen hatte. Wenn es um Piroggen geht, muss man mich nicht zweimal rufen und so standen wir bereits um zwei auf der Matte und halfen noch bei einigen Vorbereitungen. Meine Gastmutter legte ihr Hochzeitsvideo ein und so erfuhr ich noch etwas über russische Hochzeitstraditionen: Der Bräutigam bringt seine Braut zur Kirche. Auf dem Weg zu ihr muss er verschiedene Aufgaben erfüllen, welche seine Liebe zu ihr beweisen, erst dann wird er in ihr Zimmer gelassen. Dort stößt die Familie kurz auf das Brautpaar an (dies ist meiner Meinung nach viel zu früh, denn noch sind sie ja nicht vermählt…). Anschließend ging es in diesem Falle zum Standesamt. Während der Zeremonie im Standesamt dürfen die Eltern des Hochzeitspaars nicht dabei sein (stellt euch mal eine Hochzeit ohne die tränenerfüllten Augen der Mütter vor, welche ihre Kinder das magische Wort „Ja“ sprechen hören). Anschließend folgt das übliche Festessen mit Torte, Glückwünschen und Tanz.
Vollgestopft mit Piroggen machten Xjuscha und ich uns auf den Rückweg. Meine Gastmutter würde zusammen mit Dascha die Nacht bei „Mütterchen“ verbringen, da laut Wetterbericht die Temperaturen auf –37°C absinken sollten und meine Gastmutter um die Gesundheit ihrer Kleinen fürchtete.

So kam es dazu, dass Xjuscha und ich am Mittwoch dem 3.2. schliefen - laaaaange schliefen. Es war Feiertag: „Tag der Roten Armee“ oder „Männertag“, weshalb die Gäste auch nicht lange auf sich warten ließen. Die „Oma“, ihr Lebensgefährte und Sascha kamen vorbei. Zusammen mit der „Oma“ buk ich Piroggen. Während der Teig ruhte erklärte mir ihr Lebensgefährte wie man „Borschtsch“ kocht, wobei ich dann auch gleich mithalf. Hmmmm lecker!! Ich liebe russische Küche!!
Nachmittags schmökerte ich ahnungslos in dem Buch, welches mir die Deutschlehrerin einst gab. Es ist eigentlich zum deutsch lernen gedacht aber aufgrund der Übersetzung ins Russische kann ich es in diesem Falle zum russisch lernen verwenden. Ich schmunzelte, denn Ich las folgendes:
„Wo kann man in Deutschland essen? Restaurant, Gaststätte, Bistro, Schnellimbiss, Imbissbude, Pizzeria, Sushibar", (jeweils mit kurzer Definition was sich dahinter verbirgt) und jetzt das zum Schmunzeln: "Kneipe und Stammkneipe.“ Sehr amüsant, mit welchen Informationen man über Deutschland versorgt wird.
Wie gesagt, ich schmökerte also ahnungslos vor mich hin, als meine Gastmutter ins Zimmer kam, Xjuscha den Hörer hinhielt und sie aufforderte ihrem Stiefvater zum Männertag zu gratulieren. Sie grinste mich an und meinte: „Dascha hat schon gratuliert. Fehlt nur noch die dritte Tochter - überleg dir also schon mal was du sagst!“ Innerhalb von wenigen Minuten freundliche Wünsche auf russisch aus den Fingern saugen, welche nicht dasselbe beinhalten, was schon 3 weibliche Geschöpfe vor mir gewünscht haben. Klasse. Ich wünschte ihm Erfolg bei der Arbeit und viel Freude mit seiner Familie. Er freute sich. Ich freute mich. Fehlerfrei.

Das Ausschlafen und in den Tag dümpeln hatte am Donnerstag ein jähes Ende, als 6:30Uhr der Wecker klingelte und uns zur Schule rief.
Übrigens: Als ich mich am Nachmittag wieder mit den Künsten des fernöstlichen Tanzes auseinandersetze, fragte ich meine Gesprächspartnerin vom letzten Mal, wie sie heiße und für wie alt sie mich zunächst gehalten habe. Sie heißt Nastja und hielt mich für eine 20jährige Studentin. Äh. Ja….

Gedankensprung: Meine Gedanken drehten sich im Kreis. Immer um das eine Thema - als ich den Samstagvormittag wieder in der Schule verschwendete, dachte ich nur an: „Bist du dir da sicher? Nach der Schule lässt du dir die Haare schneiden…“ Ja, ihr habt richtig gelesen: Ich ließ mir am Samstag wirklich die Haare schneiden und hatte deswegen den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl. Ich wollte einen Bobschnitt - also kurz. Der Grund für diesen radikalen Eingriff? Das Wasser. Irgendetwas ist hier in dem Leitungswasser (vermutlich Chlor), womit mein Körper so gar nicht klar kommt. Im Klartext: Beim Haarewaschen fallen mir die Haare aus. Liest sich witzig, ist es aber nicht, wenn man sich die Haare kämmt und die ganze Bürste voll Haare hat. Wir sind vor ein paar Monaten schon zum Schularzt gegangen, welcher mir Tabletten und Pflegeöl verschrieben hat - es hilft nichts. Mein Entschluss stand also fest: lieber kurze Haare als Glatze und so ging ich am Samstag zum Friseur.
Vor ein paar Monaten war ich schon mal hier gewesen - nur zum Spitzenschneiden - aber so kannte ich wenigstens die Friseuse. Ich mag Friseurbesuche nicht. Nach besagtem Besuch hat man nie das gewünschte Ergebnis auf dem Kopf und die Tatsache, dass ich meine Frisurwünsche auf russisch erklären musste verstärkten nicht gerade meine Hoffnungen auf ein gelungenes Ergebnis.

Ich, während ich mich setze: „Hallo, ich hätte gern Bob.“
Die Friseuse blickt ungläubig auf meine bis auf Höhe Zwerchfell reichenden langen Haare und meint: „..also kurz?!“
Ich: „Ja. Kurz. Hinten etwas kürzer, als vorn und den Pony bitte auf Höhe der Brille.“
Sie schnippelte drauf los. Ich schloss die Augen. Ab und zu blinzelte ich und sah lange, gelockte Strähnen zu Boden fallen, was mich dazu veranlaßte die Augen schnell wieder zu zumachen. Als ich das Geräusch das Rasierers hörte, beschlich mich das entsetzliche Gefühl, dass sie etwas falsch verstanden hat... Doch als ich die Augen öffnete, um das Resultat anzusehen, war ich zufrieden. Mein Spiegelbild hat sich sehr stark verändert

- Fotos folgen nächste Woche.


Nach dem Friseurbesuch ging ich mit einem ungewöhnlich luftig, leichten Gefühl um den Kopf in das Einkaufszentrum „Schupaschkar“, kaufte ein paar Hefte (zum Üben) und erkundigte mich nach Wasserfiltern. Diese nützlichen Gegenstände sollen angeblich Haarausfall und Hautreizungen verringern, wenn man sie in die Dusche einbaut - nur für den Fall, dass der neue Haarschnitt nicht zweckerfüllend ist.

Im russischen Heim angekommen wurde meine Frisur für gut befunden. Den restlichen Tag sahen wir russische Märchenfilme und ich unterrichtete meine Gastmutter von der Idee eines Wasserfilterkaufes.

Meine Gastmutter buk heiliges Brot am Sonntag. Der Teig dieses Brotes ist aus einem Kloster und das Brot an sich darf man nur einmal im Leben backen.
Meine Gastmutter, Dascha, Xjuscha und ich versammelten uns um das Brot. Meine Gastmutter sagte ein paar Gebetsverse auf. Wir kreuzigten uns häufig. Schließlich brach sich jeder ein Stück vom Brot ab und verzehrte es. Während des Verzehrs darf man sich etwas wünschen (außer Geld).
Ich hätte das Brot gern fotografiert - aber ich traute mich nicht. Es sieht aus wie ein normales Brot und schmeckt wie ein Rührkuchen.
Den restlichen Sonntag vertrödeln wir vermutlich.

Fazit: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Oder Zeitgemäß: No risk, no fun! – mir steht Bob!”

Lotte



PS.: An dieser Stelle noch besonders liiiiebe Grüße an meine Großtante, welche am 26 Februar Geburtstag hatte. Alles Gute nachträglich (ich gratulierte dir ja bereits schon) – ich hätte übrigens gern deinen fantastischen Quadratmeterkuchen gegessen!

PPS.: Am Montag bin ich ein halbes Jahr in Cheboksary!

Kommentare:

  1. Heihei! :)
    Ich finde deinen Blog interessant. Russland wäre meine Zweit- oder Drittwahl geworden, wenn ich bei AFS oder YFU wäre...
    Das Problem mit den Haaren habe ich auch, dann habe ich das Shampoo gewechselt, und jetzt ist es so gut wie weg ;)
    LG

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  2. Vielen Dank für den Tipp! Ich wasche mittlerweile auch meine Haare mit Babyshampoo- mal sehen ob das was auf lange sicht bringt...
    Wo genau bist/warst du?

    LG

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  3. Ich hab so ziemlich alle Shampoos durchprobiert, jetzt benutze ich ein Kräuter-Shampoo aus dem Esoterikerladen... Ich glaube zwar nicht an sowas, aber es funktioniert.
    Ich bin mit GLS in Norwegen ;)
    In den Sommerferien werde ich nach Russland reisen (mein Vater hat dort studiert und will Freunde besuchen...), und deinetwegen habe ich jetzt Angst vor dem Wasser :S ;)

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  4. :D brauchst du nicht- den "Haarschaden" habe ich erst nach 2 Monaten bekommen. Wie schade, dass dein Shampoo aus einem Esoterikladen ist- sonst hätt´ichs mir auch gekauft...

    Wie lange schon in Norwegen? Wie ist es da so? Wie sind deine Sprachkenntnisse?

    LG

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  5. Das ist es nun wonach ich gesucht habe. Bin sehr zuversichtlich für deinen weitern Weg, wie toll du das gemacht hast. So eine interessante Geschichte.
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